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Freitag, 05. Juni 2009 um 12:51

Erinnerungen an Goldy und Paul Parin

von Ilse Pollack

Es ist vielleicht zwanzig Jahre her, da erzählte mir Gerald Brettschuh von einem Buch, das er gelesen hatte. „Untrügliche Zeichen von Veränderung“ war der Titel, und erläuternd hieß es darunter: „Jahre in Slowenien.“

Die untrüglichen Zeichen von Veränderung bezogen sich nicht auf jene, die damals in unserem Nachbarland in Gang waren, sondern auf eine Zeit, die weit zurücklag: es war die Zeit zwischen den zwei Weltkriegen des damals noch nicht vorangegangenen Jahrhunderts, und der Autor, Paul Parin, 1916 auf einem Schloß namens Novi-kloster, damals Neukloster geboren.

Ich las dieses Buch und war begeistert. So gut hatte noch nie jemand die Untersteiermark der betreffenden Zeit geschildert. Diese Untersteiermark, von der ich soviel Rätselhaftes in meiner Kinder-und Jugendzeit der späten Fünfziger und Mitte Sechziger Jahre gehört hatte, wenig Wahrheit und viele Mythen, die mir noch heute zu schaffen machen.

Ich schrieb dem Autor einen Brief. Wenige Tage später läutete das Telefon. Am Apparat: Paul Parin. Welche Überraschung! Er kenne meinen Namen von meinen Artikeln über Portugal im „Wiener Tagebuch“. Und dabei fiel es mir schlagartig wieder ein: Auch ich hatte seine Artikel über den Kosovo aus Titos Zeiten in der uns beiden als Publikationsorgan freundlich gesinnten Zeitschrift gelesen.

Briefe gingen hin und her, und Anfang Mai 1992 trafen wir uns in Leibnitz, wo er und seine Frau Goldy, aus Wien kommend, mir zuliebe Zwischenstation im „Römerhof“ machten. Denn wie jedes Jahr um diese Zeit fuhren die beiden in die Savinjska dolina, in das Sanntal seiner einstigen Kindheit, wo Paul Parin seiner Leidenschaft, dem Forellenfischen, frönte.

Nach Zürich zurückgekehrt, schrieben Goldy und Paul Parin mir am 18. Mai: „Nach dem Unwetter im Drava-Tal wurde es hell und wir haben zwei Tage in Bled und 2 in Bovec (Soca-Tal) verbracht – nur die Forellen sind dem Freien Markt bereits zum Opfer gefallen – zu viele Italiener – Touristen fischen die privatwirtschaftlich verwalteten…“

Dem Brief beigelegt war der vollständige Text aus dem August des Vorjahres, den die, auch mir freundschaftlich gesinnte Salzburger Zeitschrift „Literatur und Kritik“ („arg gekürzt“) bereits veröffentlicht hatte. Er berichtete von Goldys und Paul Parins Reise nach Slowenien vom 27. Juli bis 2. August 1991, dessen Zweck die Vorstellung der von den Parins unterstützten privaten Initiative „Slovica“ war. Slovica, zusammengesetzt aus Slovenija und Svica – das neue Alpenland Slowenien, „das sich als souverän erklärt hat und eine lockere Konföderation mit den Staaten des zerfallenden Tito-Jugoslawien propagiert“ und die uralte Confederatio Helvetica, welche sich in dem internationalen Zeichen CH niederschlägt, das Zeichen für die Schweiz, deren Staatsbürger Goldy und Paul seit ihrer Geburt waren, und wo sie dennoch immer wie Emigranten lebten.

Das ist allerdings eine andere Geschichte, die auf so kurz bemessenem Raum nicht erzählt werden kann. Die Präsentation von „Slovica“ fand 1991 in Ýalec, wenige Kilometer von Novikloster entfernt, statt, wo das, zwei Jahre zuvor auch ins Slowenische übersetzte, eingangs erwähnte Werk von Paul Parin eine begeisterte Leserschar gefunden und man dem „großen Sohn der Savinjska dolina“ einen begeisterten Empfang bereitet hatte.

In seiner Dankesrede sagte dieser, die Schlösser der Gegend hätten ihm „dreimal im Leben eine Freude bereitet: als Kind, als ich in einem solchen Schloss aufwuchs, als die Schlösser endlich angezündet wurden, und heute, wo sie mit feinem Kunstverstand gepflegt und renoviert werden. Das mit dem Anzünden hörten sie nicht gerne, obwohl die Gestapo in Novikloster hauste.“

Der ehemalige Gutsbesitzerssohn hatte inzwischen einen ungewöhnlichen Lebensweg hinter sich. Als Medizinstudent in Graz war er 1938, zum Glück noch vor der „Reichskristallnacht“ in die Schweiz gegangen, und hatte dort sein Medizinstudium beendet. Ein Jahr später lernte er die, in Graz geborene und dort aufgewachsene Goldy Matthéy kennen, die während des spanischen Bürgerkriegs als Röntgenassistentin und medizinische Laborantin die Republikaner unterstützt hatte. 1944 gingen sie mit anderen Gleichgesinnten als ärztliches Team nach Jugoslawien zu den Partisanen. Später führten sie in Zürich eine psychoanalytische Praxis und entwickelten während ausgedehnter Reisen nach Afrika ein neues Forschungsmodell, die Ethnopsychoanalyse. 1963 erschien ihr erstes gemeinsames Werk, „Die Weissen denken zuviel.“ Nachdem sie 1990 ihre Praxis in Zürich geschlossen hatten, widmete Paul Parin sich mehr und mehr der Literatur. Auch hier sei Goldy immer seine Mitautorin, wie er betonte.

Der Erfinder von Slovica, ein Schweizer Journalist namens Traugott Biedermann, war anwesend, als ich in Begleitung von Goldy und Paul Parin das ziemlich heruntergekommene Schloß Novikloster im September 1992 zum erstenmal besuchte. Großartige Pläne für eine Renovierung… die Einrichtung eines internationalen Kulturzentrums..Paul und Goldy dürften damals, trotz ihrer zur Schau getragenen Begeisterung, wohl eher skeptisch gewesen sein.

Im September 1992 erschien in „Leibnitz aktuell“ ein langes Interview, aus Gesprächen, die ich mit Paul Parin damals über seine Jugendjahre in der ehemaligen Untersteiermark, die Forderungen von seiten (auch etlicher meiner Bekannten) an den jungen slowenischen Staat, sowie die Situation in Ex- Jugoslawien führte. Was letztere betrifft, so wird die Geschichtsschreibung den Worten des Interwieten wohl eines Tages recht geben. So sagte dieser u.a. und die Rolle des Westens im Jugoslawienkonflikt betreffend: „ Nach dem Ende des Kalten Krieges war die jugoslawische Föderationsarmee die stärkste Armee außerhalb der NATO auf dem europäischen Kontinent – und diese Armee sollte sich zermürben.“

Mein Interview mit Paul Parin löste den heftigen Widerspruch eines anderen ehemaligen Untersteirers aus. Auf seinen bitterbösen Brief hin nahm ich Kontakt mit ihm auf – er erzählte mir seine Version von Geschichte (und Gegenwart), die der von Paul Parin diametral entgegengesetzt war. Das fand ich spannend und schlug beiden eine Gegenüberstellung vor. Daraus wurde ein Feature für den Rundfunk unter dem Titel „Die Schloßherren.“ Der bitterböse Briefschreiber hatte allerdings eine persönliche Begegnung mit „dem Juden Parin“ abgelehnt. Nichtsdestotrotz ersuchte ich Paul Parin, seine so prägnanten Analysen des zunehmend schrecklicheren Krieges in Jugoslawien, die in internationalen Medien erschienen, auch in unserer Zeitung abdrucken zu dürfen, was er mir großzügig gewährte.

Mit Goldy und Paul Parin verband mich inzwischen eine Freundschaft. Sie besuchten mich auf „meinem“ Rettenberg, vulgo Monte da Salvação; saßen auf der Bank vor meinem Haus, wo zuvor Nachbar Ulli noch mit der Sense das Gras gemäht hatte und bemerkten – ich hatte es nicht bemerkt: „Schau, wie liebevoll er das gemacht hat, die Veilchen hat er stehen lassen!“ Wir fuhren zum Buschenschank Schneiderannerl und verbrachten dort einen wunderbaren Abend, noch in der alten Küche, mit den Großeltern der jetzigen Betreiber; wir fuhren zum Zweytick nach Ratsch, tranken den herrlichen Sommerwein, von dem sie ein paar Flaschen mit in die Schweiz nahmen und mir irgendwann im Herbst schrieben: Gerade haben wir die letzte ausgetrunken.

Goldy und Paul Parin waren das wunderbarste, kinderlose Paar, das ich je im Leben kennengelernt habe – nicht nur für mich, ihre Beziehung bezauberte wohl alle, die sie kannten. Sie waren „vermählte Zwillinge“, wie die deutsche Journalistin Ursula Rütten sie nannte. Ihr jahrzehntelanges harmonisches Zusammenleben basierte auf einer vollkommenen geistigen Symbiose.

Als ich sie kennenlernte, waren sie bereits hoch in ihren Siebzigern – und trotzdem von einer unbändigen Neugierde, auf Menschen, auf Bücher, auf fast alles, was sie umgab. Sie nahmen noch immer heftigen Anteil am Weltgeschehen und mischten sich ein, wo immer sie Unrecht sahen und es eine Möglichkeit gab, sich einzumischen. Und sie genossen das Leben in vollen Zügen, rauchten starke filterlose französische Zigaretten, tranken gerne – und ich, die um mehr als dreißig Jahre Jüngere, fühlte mich in ihrer Gegenwart oft als fade Alte.

An Paul beeindruckte mich vor allem, wie er sehr er das „Wir“ auch für sein Schreiben betonte. „Wir beide, Goldy und ich, mußten dieses Buch schreiben; da sie nicht gerne schreibt, habe ich es für sie geschrieben“ heißt es am Beginn des Buches „Es war Krieg und wir gingen hin“, in dem Paul Parin ihr beider Leben bei den jugoslawischen Partisanen erzählt. Und wie dieses Erzählen im Detail vor sich ging, hat er in dem bezaubernden Geschichtenband „Karakul“ beschrieben.

An Goldy, die fünf Jahre älter als Paul war, faszinierte mich besonders ihr Umgang mit dem Alter, das sie als „subkulturelle Chance“ sah. „Da sind Möglichkeiten emanzipatorischer Gegennormen und Subversion.“ Und sie spüre noch „ein weiteres Wegfallen von Anpassungsdruck: An-und Aussehen werden immer unwichtiger, meine Falten sind eben meine Falten. Ich muß überhaupt nichts mehr, meine anarchistische Grundhaltung, ‚ni Dieu, ni Roi‘, tritt noch stärker hervor.“

Natürlich sei es nicht lustig, alt zu werden, „wenn man dann spürt, man ist schon ganz schwach.“ Als sie schon fast nichts mehr sah, sagte sie: „Ich merke nicht, dass ich deswegen hadere. Das ist eben so: Man wird älter. Alles funktioniert eben schlechter. Aber es hat keinen Sinn, sich darüber zu ärgern.“

Im Juni 1996, sie war schon 85 Jahre alt, wurde Goldy Parin in Zürich auf offener Straße brutal überfallen. Dabei brach ihr linker Oberschenkelhalsknochen und der linke Unterarm. Sie wurde operiert und erholte sich wieder. Bereits am 31. Juli traf ich Goldy und Paul beim Theaterfest in Bad Radkersburg, wo die slowenische Ausgabe von „Karakul“ vorgestellt wurde. Im Oktober desselben Jahres wurde der Film über ihr beider Leben „Mit Fuchs und Katz auf Reisen“ im 3-Sat gesendet.

Doch am 27. April 1997 starb Goldy, nach einer „wunderbaren Zeit des Abschieds und der Liebe und der Zärtlichkeit“ ihres Pauls und vieler Freunde in der gemeinsamen Wohnung.

Wie würde es mit Paul weitergehen? Er entschloss sich, weiterzuleben, „den Freunden zuliebe“, wie er mir schrieb. „Es ist ein Epilog, so nenne ich es. Kann auch nichts anderes sein.“

Und, in einem anderen Brief: „Mit dem Schreiben geht es extrem langsam. Die Gesundheit ist gut. Jedoch: eine tiefe Gleichgültigkeit, ich weiss zwar was ich schreiben wollte, aber nicht für wen. Anscheinend habe ich immer nur für die liebe Goldy geschrieben.”

Dennoch entstanden noch zahlreiche Artikel, auch Bücher. Eines davon war „Das Katzenkonzil“. „Goldy nannte mich Fuchs, ich sie Katze, weil ich die Schönheit der Katzen liebe.“ Und so entstanden diese „drei Märchen über die Schönheit und Klugheit der Katzen“, die auch ich, eine Katzenfreundin, mit einer lieben Widmung erhielt.

Nach Goldys Tod waren die seltenen Briefe in Paul Parins unvergleichlich ruhiger und schöner Handschrift mit kleinen Bildern von Wildkatzen versehen. Er erzählte seine beginnende Freundschaft für eine „wunderschöne, uni-dunkelgraue, sehr scheue Katze“, die „sich anfangs nur von Frauen streicheln ließ“ und ihn „dann aber – oh Wunder- “ akzeptiert habe.

Am Mittwoch in der Nacht habe ich die Nachricht vom Tod Paul Parins in der NZZ gelesen. An diesem Tag hatte mir ein Unbekannter in Graz gesagt, dass man nach dem Tod in ein helles Licht tauche, und danach alle seine Freunde wiederfände.

Ein tröstlicher Gedanke, auch wenn ich annehme, dass es vielleicht, wahrscheinlich, gewiss, nicht so sein wird.

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