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| Montag, 25. Mai 2009 um 16:10 |
Zur Beerdigung von Paulgehalten am 25.5.09 Friedhof Rehalp / Enzenbühl Meine sehr verehrten Damen und Herren, liebe Freundinnen und Freunde. Vielleicht ist es weniger schwer, einen geliebten Freund gehen zu lassen, der ein so reiches und glückliches Leben im steten Widerspruch und zugleich in einem großen Aufgehobensein geführt hat – ohne übermäßige Hoffnung auf eine Verbesserung der Welt, doch zugleich überzeugt davon, dass etwas zu tun sei und sich das auch lohnt; der bis zu letzt Analytiker seiner selbst war und sich noch vor kurzem mit der Frage beschäftigt hat, ob es eigentlich egal ist, was aus der Welt wird, wenn man nicht mehr lebt. Als Paul mir diese Frage vorgelegt hat, hatte ich ihm gerade einen seiner theoretischen Texte vorgelesen, vor 30 Jahre geschrieben und immer noch gültig. So schreibt man nur, wenn man über sich selbst hinausdenkt: ganz und gar gegenwärtig, aber eben doch utopisch, weil das Denken von Paul und Goldy wohl konsequent utopisch war, insofern es sich nie abfinden konnte und wollte. Das meiste davon weiß ich nur aus den langen Gesprächen und Vorlesestunden, die vor ein paar Jahren begonnen haben und die im Laufe der Zeit zu einem immer wieder neu variierten Ritual geworden sind – an vielen verträumten Nachmittagen, der Verkehrslärm von Utoquai ausgesperrt, mit unendlich vielen gemeinsamen Zigaretten. Ich habe nur Paul kennengelernt, auch wenn seine Wohnung, der einzige Ort unserer Freundschaft, im Grunde immer nur im Plural – Goldy und Paul – zu denken war. Angefüllt mit materiellen und immateriellen Erinnerungen. Ohne Computer und E-mail doch ein kommunikativer, weltumspannender Mittelpunkt. Nicht selten kam ich vorbei und da saßen dann Leute aus beiden Hemisphären, die ich bisher nur aus ihren Büchern kannte – und von denen heute viele hier sind. Seit vielleicht zwei Jahren habe ich Paul vor allem seine eigenen Texte vorgelesen – die wissenschaftlichen und die literarischen – und es war ein wunderbares Erlebnis, seine Erläuterungen und Kommentare zu hören und seinen Volten und Pirouetten zu folgen, die jedem Text gleichsam weitere Textschichten hinzugefügt haben. Die Wohnung erschien mir dabei immer schon wie eine Zeitmaschine, jedoch nicht wie eine Zeitmaschine, mit der man einfach in die Vergangenheit reist, sondern wie ein Mechanismus, der merkwürdige Dinge mit der Zeit selbst anstellt. Goldy immer präsent und eben doch nicht da. Sie und Paul in jedem Lebensalter in seinen Geschichten und auf den Fotos in der Küche anwesend. Erinnerungen tauchten beim Vorlesen wieder auf, die sich mit erneuten Geschichten und Kommentaren zum gerade Gelesenen und gerade wieder Erinnerten zu einem ganz persönlichen und zugleich politisch-gesellschaftlichen Zeitbild verflochten. Wenn man nach vielen Stunden wieder auftauchte, war das 20. Jahrhundert, das short century mit dem langen 19. Jahrhundert verbunden; dazu kamen Analysen zur Gegenwart und Zukunft. In diesen Erzählteppich wurde man unmerklich selbst mit hinein geflochten, denn Paul ist ja nicht nur ein großer Erzähler, ein meisterhafter oral historian in Wort und Schrift, sondern wollte selbst Geschichten hören. „Wie geht es Dir heute?“ „Ganz gut meine Liebe, aber erzähl jetzt von Dir.“ Über seine treffenden Analysen seltsamer Universitätsrituale mußte ich ebenso lachen, wie mich seine Anmerkungen zu meinen eigenen Texten bereichert und sein sachlich-liebevoller Trost bei unterschiedlichen Kümmernissen berührt hat. Einmal hat Paul mir ein Foto von Goldy aus den 40er Jahren geschenkt. Und wie eine Sternschnuppe zog auch dieses Bild einen Schweif von Geschichten hinter sich her: wie das Foto zurückgekommen ist (ein reiner Zufall), wann und wo es gemacht wurde, wie er es datieren konnte (weil Goldy ein Jackett trägt, das aus der Werkstatt eines kommunistischen Wiener Schneiders und Flüchtlings stammte, der aus Dankbarkeit für alle bedürftigen Genossinnen und Genossen ein schönes Kleidungsstück anfertigte). Und dann weiter und zurück ins Select und nach Jugoslawien und Afrika. Vielleicht war es die ganz besondere Fähigkeit von Paul, dass er jedem einzelnen etwas eigenes, jeweils ganz besonderes schenken konnte. Im November im vergangenen Jahr war ich bei Paul und die Begrüssung war wie immer ganz alte Schule: „Dürfte ich mich heute mit bekanntem, jedoch nur aus der Gebrechlichkeit herrührendem Egoismus einmal bedienen lassen?“ Dann erzählte er mir, dass er elf Jahre lang, seit Goldys Tod, nicht mehr richtig herzlich gelacht habe und wie sein Lachen plötzlich beim Anhören von „Alice im Wunderland“ zurückgekommen ist. Das hat mich auf die typische Paul-Art berührt, für die ich gar kein inneres Register habe. Und so waren die Besuche, bei aller Gefangenheit in der Gegenwart, weil wir keine lange gemeinsame Vergangenheit und Zukunft hatten, doch eine grosse Horizonterweiterung, ein Glück und eine, selbstverständlich antiautoritäre „Schule“. So mutig und würdig ein gutes Leben im langen Alter zu führen, lässt in die Trauer viel Respekt und Zärtlichkeit einfliessen – und macht sie nicht untröstlich. Ich haben mir in den letzten Tagen seines Lebens, angesichts der zunehmenden Schmerzen, die wohl auch Abschiedsschmerzen vom Leben waren, gewünscht, dass Paul an ein Jenseins glauben könnte, das zumindest aus ihm und Goldy besteht; die beiden rauchend, kritisch und vergnügt da oben, die FSLN Fahne gehisst. Ein guter Rotwein steht bereit und jede Parteidisziplin ist verboten. Schwarze Prinzen und Zauberinnen kommen mal vorbei, und ein Jäger, der eine verwickelte Geschichte erzählt. Ahnen unter sich, die über uns wachen – zumindest durch ihr Vermächtnis, mit dem sie ohnehin unter uns bleiben. |

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