| Neue Zürcher Zeitung | | Drucken | |
| Sonntag, 24. Mai 2009 um 08:00 |
Die Botschaft der MaskePaul Parin, Zürcher Psychoanalytiker mit Charisma, ist 92-jährig gestorben Einen Fuchs nannte ihn seine Frau. Nicht bloss weil er listig war. Er hatte eine ausgezeichnete Witterung für Menschen und Umwelt - dafür, wie sie waren und wie sie sein sollten. Denn an Utopien hielt er ein Leben lang fest. "Der Intellektuelle tut Dinge, von denen er weiss, dass sie nichts bewirken", sagte er fröhlich zu einem Journalisten. "Aber er tut sie trotzdem." In Watte gepackt wuchs er auf. Auf einem Schlossgut in Slowenien. Umgeben von Bediensteten, unterrichtet von Hauslehrern. Paolo Guilio Fortunato Parin. Geboren 1916. Damals, als noch die k.u.k. Monarchie betsand. Der Vater, der einen Schweizer Pass besass, war autoritär und bewunderte Mussolini. Die Mutter eine distinguierte Dame. Das Gesinde sah in ihm das Herrensöhnchen. Österreich-Ungarns Idee vom Vielvölkerstaat wurde ersetzt durch den Traum von der einzigen überlegenen Rasse. Als Paul mit 17 aufs öffentliche Gymnasium ging in Graz, hatte er sich gegen Horden von Nazifreunden als jüdischer Junge zu behaupten, was ihn unerschrocken machte. Er wollte Chirurg werden, schrieb sich also ein in Medizin und ging mit 23 zur Fortsetzung des Studiums nach Zürich. "Ich habe den Krieg nicht sein lassen, wie er ist, sondern ich habe etwas für den Krieg getan." Denn er sei "grundsätzlich nicht dafür, dass man Aggressionen wehrlos hinnimmt". Einer von der Art Leute, die bei einem Überfall auf der Strasse dem Bedrängten helfen! Zurück in Zürich, bildeten sich Paul und Goldy weiter, als Freund stiess Fritz Morgenthaler dazu, und gemeinsam eröffnete man im Zürcher Seefeld eine psychoanalytische Praxis. Das Trio erregte Aufsehen, hockte abends mehr als anderswo im Nonkonformisten-Café "Select" und politisierte. Und kritisierte die Weltfremdheit der Seelenärzte. Das Psychoanalytische Seminar, das später gegründet wurde, war ein Kind von diesem Geist. Lebenslustig war man, neugierig und "zu jung, um den Rest unserer Jahre hinter der Couch zu verbringen". Und da Parin und Goldy auf einer Reise Westafrika besucht hatten, kamen sie auf die Idee, Studien in Afrika zu betreiben, zu dritt. Sechs Mal werden sie dahin reisen. Erst geht es nur darum, zu erproben, ob man Psychoanalyse auch bei Menschen anderer Kulturen betreiben kann. Die Antwort gaben sie im Buch "Die Weissen denken zu viel", sie lautete Ja. Dann erforschen sie den Zusammenhang von Seele und Umfeld. Wobei sie nicht wie andere weisse Forscher im schwarzen Afrika das Fremde suchen und die Menschen darauf festnageln. Alles nehmen sie zur Kenntnis, was in der Kultur lebendig ist, was übernommen ist von anderswo oder sich fortentwickelt. Sitzt Parin also bei den Dogon in Mali im Kreis bei einem Maskentanz. Angeblich ist es den Frauen verboten, die Tänze zu sehen. Eines der Tabus. Doch er beobachtet, wie sie im Hintergrund von den Flachdächern der einstöckigen Häuser munter zuschauen. Und zieht den Schluss, "dass hier die Ausnahmen für das Leben viel wichtiger sind als die Tabus selbst". Und als er eine Maske mit blonden Haaren sieht, die "La dame prend des notes" genannt wird, erkennt er, dass da eine weisse Ethnologin, die am Ort gewirkt hat, ins angeblich zeitlose Maskenrepertoire eingegangen ist. Solches erzählt er stundenlang, in seiner braunen Cordjacke, eine filterlose Zigarette nach der anderen paffend, verliebt in listige Formulierungen. Und er erinnert sich, das sie als junge Chirurgen für die Partisanen in Montenegro erst glaubwürdig wurden, als sie ihr Operationsbesteck vorführten. Auch das eine Art Maskentanz. Ethnopsychoanalyse heisst die Methode, die sie aus Afrika heimgebracht hatten. In der Stadt Zürich - wegen des Reichtums an Seelenärzten auch Psychopolis genannt - galten Parins als Autoritäten. Bis Goldy 1997 starb - Paul hat sie "Katze" genannt, weil Katzen sich nicht beherrschen lassen. Nun dachte er an die Pistole, die er aus der Partisanenzeit in der Schublade liegen hatte. Und benutzte sie dann doch nicht. Er schrieb noch Erzählungen und blieb hellwach, auch als er fast erblindete. In der Todesanzeige heisst es: "Der Fuchs ist jetzt der Katze nach, auf die grosse Reise". |

Comments