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Montag, 25. Mai 2009 um 13:15

PAUL PARIN 1916- 2009

gehalten am 25.5.09 Friedhof Rehalp / Enzenbühl
von Berthold Rothschild

Liebe Freundinnen und Freunde, hochverehrte Trauergemeinde!

Wir nehmen Abschied, definitiv und unwiederrufllich Abschied von Paul Parin – unserem Lehrer, unserem Freund, unserem Vorbild in vielem, Analytiker und Supervisor für Viele, Zeitzeuge, Zeitgenosse, Genosse, Mensch…

Es klopft uns dabei das Herz und es treibt uns das Wasser in die Augen und das ist wohl deshalb so, weil viele von uns spüren, dass hier nicht nur ein reiches Leben friedlich an sein Ende gelangt ist, sondern dass damit - so empfindet man – gleichzeitig eine Epoche zu Ende geht. Wir begraben heute nicht nur unseren lieben und verehrten Paul Parin, sondern grad noch einmal die Goldi Parin, den Fritz Morgenthaler, den Emil Grütter, Harry Lincke, Arno von Blarer, die Maria Pfister, den Fred Singeisen, Harald Winter und wie sie alle hiessen – eine Generation von Menschen, die alle irgendwie zu dem Spiritus loci gehören, den man ganz simpel mit einer Adresse symbolisieren und mit ‚Utoquai 41, 8008 Zürich’ beschreiben kann. Noch leben zwar einige wenige andere und sie sollen gesund und stark sein, Frau Ruth Bitterlin – 55 Jahre lang die gute Seele an dieser Adresse, Frau Martha Eicke, Ueli Moser – und dennoch empfinden wir einen Schock der Leere, stehen traurig und ratlos – vor einem epochalen Ereignis, einem epochalen Abschied, so wie es die Doors besungen hatten:

This is the end my friend, beautiful friend,
this is the end, my only friend,
the end of laughter and soft lies,
the end of nights we tried to die
– this is the end…

Immer wieder habe ich mich gefragt, was es denn eigentlich bedeute, wenn es in fast allen Filmen am Schluss noch gross betitelt heisst: THE END. Hatte man denn nicht gerade schon gesehen dass die Geschichte zu Ende war? dass die Musik bombastisch ins Finale gemündet dass Chaplin ganz klein geworden aus dem Bild hinaus gefadet ist? wie Käptn Achab mit seinem Schiff langsam im Horizont verschwunden war? Was soll dieser brutale Stempel ‚The End’?

Hier auf dem Friedhof sehen wir es tausendfach: in jedem Grabstein, jedes mal ‚THE END’, unwiederruflich, unwiederbringlich, Schluss, The End. Eine Sackgasse, ein ‚dead end’ aus dem es nur noch den Blick zurück gibt. Denn worin sich die vielen ähnlichen Enden unterscheiden, ist das worauf sie mit dieser Endgültigkeit eben auch hinweisen: auf das Leben zuvor, auf die tausendfachen Geschichten, die unzähligen Familienromane, Konfabulationen ohne Ende, unendliche Narrative über jedes mal einzigartige und unvergleichliche Verläufe bis hin zum Abgrund und zum Nichts, oder wie andere meinen, auf zur Ewigkeit.

Paul Parin hat in seinen unzähligen Geschichten zu erzählen versucht, was so ein Leben alles heissen kann, was SEIN Leben an Bedeutung enthalten hat oder wie er es sich hätte vorstellen wollen, und er hat – nachdem er beruflich eigentlich zum Dauerzuhören verurteilt gewesen wäre - erzählt und erzählt, er hat geschrieben und fabuliert und geplaudert, so oft uns unter den Tisch geredet – aber nicht nur um der Anekdote willen, sondern als Kronzeuge seiner Zeit und seiner Epoche, ‚Witness for the Prosecution’ gegenüber einer heuchlerischen Welt, ‚Témoin de l’espoir’ für die Kraft der Vernunft und den Aberwitz der Libido. Er hat geschrieben und geredet, unaufhörlich und immer mit dem Leitmotiv: Unterwerft Euch niemandem, ausser Eurer eigenen Vernunft, und Eure Vernunft aber überschätzt sie nicht, denn sie ist immer auch Teil Eurer Neurose!

Ueber die biographischen Daten hat man in den letzten Tagen in all den schönen Nachrufen Wichtiges über den Paul Parin erfahren: die Jugend auf dem Anwesen in Slowenien, die Aerztemission im besetzten Jugoslawien, die Reisen nach Afrika usw. Und Paul Parin hat darüber ein Leben lang so viel erzählt und so viel geschrieben, dass man unweigerlich das Gefühl bekommt, so vieles über ihn und sein reiches Leben zu wissen. Aber hilft uns dieses Wissen, auch, ihn zu kennen? Ja, könnte es nicht sein, dass – wie wir AnlytikerInnen wissen - , so viele Worte auch zum Schleier über dem Erkennen werden? Haben wir den Paul Parin auch wirklich gekannt? Nur den Manifesten, oder auch den Latenten, auch sein Innerstes? Ich glaube, man kann dies selbst als ihm Nahestehender bezweifeln, zumal er es ja immer auch ganz seigneural verstanden hat, das Wissen über ihn dorthin zu lenken wo und wie er es haben wollte. Vielleicht, war es erst in den letzten Tagen und Wochen, dass wir ihn auch noch anderswo kennen lernten: dort wo das autonome Ich nicht mehr hinreicht und wo es sich nicht mehr so gepflegt, soigniert und kontrolliert offenbaren konnte sondern wo auch Leiden und Aengste die uns und ihm so vertraute Souverenität anzugreifen drohten, und wo man dann als eine Art Entgelt den Paul vielleicht auch mal zärtlich berühren durfte….

Seine so beeindruckende und stets mit einer gewissen Eleganz angereicherte Souveränität muss er sich schon früh in seinem Leben angeeignet haben – vielleicht als Teil einer ursprünglich defensiv angelegten Reaktionsbildung. Denn seine angeborene körperliche Behinderung lehrte ihn schon früh, die Welt und ihre Verrücktheiten von einem distanzierten Standpunkt her zu beobachten, sie mit kompensatorischen Sinnen zu erschliessen und die ihn umgebenden Menschen, das vielfältige Gesinde, ja die Tiere sogar, kritisch zu beäugen. Damals schon setzte sich in ihm der Kern seiner späteren, eigentlich existenzialistischen Lebensanschauung fest: Du bist was Du tust, Du bist was Du empfindest – nichts anderes.

Die Lehr- und Wanderjahre in Graz und Zagreb in der Zeit des aufkommenden Fachismus, liessen ihn schon in jungen Jahren erkennen, welche Bedrohung physisch, politisch und kulturell auf Mitteleuropa zudrängte und es war ihm klar, zu welchem Lager er gehörte, gehören wollte: zur nun aufgestöberten und bedrohten Welt der Antifaschisten, der theoretischen Marxisten – kurz all jener die dann in den kommenden 12 Jahren zu ‚Emigranten’ in aller Welt wurden. Damals, und inzwischen nach Zürich emigriert, lernt er dann auch Goldy Matthey, ihren Bruder Gustl und den Fritz Morgenthaler kennen.

Es folgten die bekannten und vielfach beschriebenen Jahre der ärztlichen Solidarmission in Jugoslawien, die weiteren Ausbildungsjahre als Arzt, Neurologe und Psychiater, und dann – für das weitere Leben entscheidend – das Interesse an der Freud’schen Psychoanalyse. Zusammen mit Fritz Morgenthaler und mit Goldy Parin – inzwischen seine Frau geworden – eröffnen sie in den 50er-Jahren die psychoanalytische Praxis am Utoquai 41.

Und so begann die Blütezeit einer zwar exklusiven, aber keineswegs elitären Analytikeradresse in Zürich, eines informellen anarcho-linken intellektuellen Zentrums, aber auch einer eigenwillig-unbürgerlichen Lebensform der daran Beteiligten. Kann es verwundern, dass es dann viele der nach neuen Idealen dürstenden JunganalytikerInnen der 68er- und folgender Generationen ans Utoquai hinzog? dass sie es manchmal umschwärmten wie die Motten das Licht?

Gegenseitig, so entstand manchmal der Eindruck, sonnten sich die Alten wie die Jungen im Glanze ihrer wechselseitigen Nonkonformität, einer weltbezogenen Unorthodoxie mit gelegentlich merkwürdigen Elastizitätsproben der Uebertragung. Und man hätte dann und wann die Morgenthaler’sche Frage stellen können: wer verführt da eigentlich wen?

Dass solches den damals vorherrschenden Sitten und Satzungen der konventionell institutionalisierten Psychoanalyse trotzte und dann auch konsequenterweise zu einer Ruptur führte, war weiter nicht schlimm, denn daraus wurde nun Neues geboren: die Abspaltung des PSZ (Psychoanalytischen Seminars Zürich) nämlich und damit die Konstituierung der Neuen Freudschen Republik an der Tellstrasse, mit beschützenden Hebammendiensten vom Utoquai her… Gleichzeitig aber wurde am Utoquai fleissig geforscht, publiziert und analysiert, ethnologisiert, supervidiert und hedonisiert - ‚Les années folles de l’Utoquai’ könnte man sie nennen, doch waren sie auch ungeahnte Saatzeit einer noch zu beschreibenden Spätlese.

Jahrzehntelang generierte das Utoquai, inzwischen zum geometrischen Ort, zum archimedischen Punkt einer ganzen Bewegung geworden, Einmischungen’ in die Welt der Psychoanalyse, und in das vielfältige Labyrinth des opulent gewordenen Spätkapitalismus – ohne aber dessen Dividenden an Freiheit, Bequemlichkeit und an freien Kontakte in alle Horizonte zu verschmähen. Schon früh wurde da global gedacht und lokal gearbeitet, geschrieben, gemalt und analysiert. Als noch junger Analysand sass man oft im Wartezimmer dieser grossen Wohnung am Utoquai, lauschte neugierig was sich da wohl in dieser kleinen Küche nebenan abspielte, wo sie alles sassen, assen und tranken, lachten und diskutierten – der Morgenthaler, die Frau Parin und Er der Paul Parin, die Bitterlin und manchmal auch noch der Zauberer Manoli dazu. Man stellte sich vor, wie sie in dieser alchemistischen Kammer ihre Deutungen zusammenbrauten, vielleicht sogar die Kastrationsmesser wetzten, und ihre Erfahrungen im Uebertragungsfeuer zu neuen Erkenntnissen destillierten, die sie dann klug und witzig der Welt da draussen anzubieten hatten. Hier also, in dieser kleinen Küche war die Residenz der kleinen Anarcho- und Seelenrepublik ‚fröhliche Wissenschaft’ – jahrzehntelang.

Manche empfanden diese vielfältigen Betriebsamkeiten als linkspopulistisch, als ‚unanalytisch’ gar, stellten fest, die am Utoquai, ja auch die, die kochen auch nur mit Wasser. Für andere war die Integration von Psychoanalyse, Gesellschaftskritik, Wissenschaftlichkeit, Weltbezug und Lebensform eine unwiderstehliche Zauberformel, zur Identifizierung und Nachahmung geeignet und persönlich mit den Personen am Utoquai eng verbunden. Und der junge strebsame Analysand konnte nicht wissen, wie wichtig in seinem weiteren Leben einmal diese Adresse, insbesondere aber diese kleine Küche noch werden sollte…

Es folgten dann am Utoquai aber auch bittere Rückschläge: der allzu frühe Tod von Fritz Morgenthaler (1984), Krankheit und Tod von Goldy Parin (1997) und ein mit Frau Bitterlin alleine zuzurückgebliebener Paul Parin, der sich eigentlich vorgenommen hatte, so nicht mehr weiterleben zu wollen. Es war ‚der Widerspruch in seinem Subjekt’, der ihn zwar immer wieder verkünden liess, er sei jederzeit bereit abzutreten, der ihn aber gleichzeitig mit einer trotzigen Lebensgier zum unermüdlichen Schreiben und Erzählen, aber auch zum Geniessen anhielt. Er folgte damit dem Ratschlag Michel de Montaignes (‚Dass Philosophieren Sterben lernen heisse’ 1580):" … Der Nutzen des Lebens kommt nicht auf desselben Dauer, sondern auf den Gebrauch an. Mancher, der kurze Zeit gelebt hat, hat lange gelebt. Macht euch dazu gefasst, so lange ihr noch am Leben seid. Es beruht auf eurem Willen, nicht auf der Anzahl der Jahre, die ihr gelebt habt. Habt ihr denn gemeinet, ihr würdet niemals dahin gelangen, worauf ihr beständig zugegangen seid?..."

Und so packte es ihn grad noch einmal und er begann erstrecht zu erzählen, zu schreiben, sich zu erinnern, zu fabulieren und dann auch dem mit Verachtung und mit wachem Geiste zu trotzen, was jeden anderen gelähmt und aus der Bahn geworfen hätte: der zunehmenden Sehschwäche bis zur Blindheit gar, den immer gebrechlicher werdenden Gelenken und Muskeln.

Nun aber kam die Zeit der ‚Spätlese’. Um ihn herum entwickelte sich eine einzigartige Gemeinschaft von Menschen, die sich – aus eigentlich ganz wundersamen Gründen - während 12 Jahren – bis in die letzten Minuten seines Lebens, um ihn scharten. Jetzt schien das ‚Clangewissen’ das er andernorts wissenschaftlich beschrieben hatte, ganz plötzlich und ohne jeden Druck in eigener Sache zu realem Leben zu erwachen. Frühere Analysanden, Freunde und Bekannte, eine ganze ‚domestizierte Urhorde’ sozusagen unternahmen es, mit dem kinderlos gebliebenen Paul Parin einen Lebensabend zu gestalten, der ihn in Würde alt und blind und immer gebrechlicher werden liess und der ihnen – ohne jede Prätention und ohne Feierlichkeit (denn das hätte er nicht ertragen) zu einem ganz seltsamen Geschenk geworden ist. Weiohwei! damit ists vorbei! Es war für mich - und wohl auch für den ganzen seltsamen Haufen der wir waren - zu einer wunderbaren Gewohnheit am überdeterminierten Utoquai geworden, zu einer kostbaren Leihgabe an Trans-Generationalität, die wir jetzt mit ihm zu Grabe tragen müssen. Und er, der gute Paul Parin? Er nahm dies alles hin mit höfischer Gelassenheit, dem ihm eigenen Gemisch von aristokratischer Verwöhntheit und bescheidener Genügsamkeit.. Nicht undankbar zwar, aber mit einem Kopf der weiter dachte, schwatzte, wusste, wollte, plante und sich erinnerte mit der metikulösen Präzision und Luzidität, die schon immer sein Talent gewesen waren. Lange noch war Ruth Bitterlin zur Stelle und von Ferne führten Johannes und Michael Reichmayr Regie über den Trupp der nützlichen Kobolde, die jeden Abend eine volle Mahlzeit zubereiteten und diese mit ihm einnahmen, ihn ausfragten, ihm – oft bis zur eigenen Erschöpfung – zuhörten, ihm vorlasen und ihm den Lebenssinn spiegelten, den er, inzwischen 90-jährig, schon seit der Jugend gepflegt hatte: Du bist was Du tust, Du bist was Du empfindest – nichts anderes. Doch er wusste, in seinem ganzen Stolz, seinem ungebrochenen Ich-autonomen Ehrgeiz, dass er sich auf sein ‚Gesinde’ verlassen konnte, so wie es schon die Beatles besungen hatten:

What do you see when you turn out the light?
I can't tell you, but I know it's mine.
Oh, I get by with a little help from my friend

‚A little help from my friends’ das waren in den letzten Monaten aber auch die wunderbaren, unermüdlichen Leute von der Spitex, das war ein Dr. Thomas Voegeli, ein Dr. René Kofmehl, Dr. Jonas Stemmle (und Ihnen allen sei hier nochmals unter Tränen gedankt!)– alle wussten sie, dass es vielleicht nichts grösseres gibt, als einem Menschen seine Würde zu erhalten, seinen Willen abzulauschen. Und so ist dieser unglaubliche Kopf auf dem abgelebten Körper bis zum Schluss das Parinsche Panoptikum geblieben, voll bewusst was mit ihm geschah und schliesslich willens, endlich, die Welt aus seiner Regie zu entlassen…. Es war für uns aus der Wahlfamilie erhebend und erschreckend in Einem, wochenlang zuzusehen, wie langsam aber unentrinnbar der kleine, schmächtig gewordene Körper den grossen Kopf in seinen Bann zog, wie die Natur daran war, unerbittlich einen grossen Geist zurückzuerobern – und manche hatten es schon bei ihren eigenen, leiblichen Eltern erlebt, dass dieses Sterben eigentlich ein Gau war, jedes Mal ein epochales Naturereignis, wunderschön und schrecklich zugleich, und ganz im Hintergrund uns an den eigenen Tod erinnernd.

Paul Parin aber wusste genau, was sich da abspielte und was schon Freud 1928 in der Zukunft einer Illusion beschrieben hatte:

Da sind die Elemente, die jedem menschlichen Zwang zu spotten scheinen, die Erde, die bebt,… das Wasser das im Aufruhr alles überflutet und ersäuft, der Sturm der es wegbläst, da sind die Krankheiten…. Und endlich das schmerzliche Rätsel des Todes, gegen den bisher kein Kräutlein gefunden wurde und wahrscheinlich keines gefunden werden wird. Mit diesen Gewalten steht die Natur wider uns auf, grossartig, grausam, unerbittlich, rückt uns wieder unsere Schwäche und Hilflosigkeit vor Augen, der wir uns durch die Kulturarbeit zu entziehen gedachten…. (Z. e. Illusion, 1927, XIV, 336)

Und so stehen wir nun da: perplex, verwaist, traurig natürlich, aber auch dankbar zugleich – wir in die Jahre gekommenen Waisenkinder vom Utoquai. Und wenn wir die grosse und illustre Schar der hier Anwesenden an dieser feierlichen Abdankung zur Kenntnis nehmen dann funkelt ein Abglanz von der grossartigen Bedeutung wieder, die dieser nun zum Leichnam, zu einem Häufchen Asche zerfallene Weltbürger Paul Parin zurücklässt. Und wäre er mit dabei, so wäre man versucht ihn, der solches liebte an den jüdischen Witz zu erinnern: "Siehst du Moische, sagt der Itzik am grossen Begräbnis des Wunderrabbis – das heisst gelebt! … ."

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