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Dienstag, 19. Mai 2009 um 10:00

Parins Psychoanalyse als Partisanenkampf

Dank Paul Parin ist Zürich eine der ersten Adressen der Psychoanalyse. Nun ist der bedeutende Intellektuelle in der Nacht auf Montag im Alter von 92 Jahren gestorben.

von Detlev Claussen

Die Stadt Zürich hat eine ihrer grossen Persönlichkeiten verloren. In der Parterrewohnung am Utoquai 41 lebte fast 50 Jahre lang Dr. med. Paul Parin. 1952 hatte er dort zusammen mit Goldy Parin-Matthéy und Fritz Morgenthaler eine psychoanalytische Gemeinschaftspraxis aufgemacht. Hier etablierten die drei Freunde, die zuvor als medizinische Helfer im jugoslawischen Befreiungskrieg gegen die Nazis teilgenommen hatten, die erste Adresse der Psychoanalyse in Zürich. In den 60erJahren wurde sie weltweit bekannt.

Manche der Fälle lernten die Leser der zahlreichen wissenschaftlichen Publikationen Parins kennen, Publikationen, die auch das schriftstellerische Können zeigten. Parin dachte und schrieb in der Tradition Sigmund Freuds, nach dem der Preis für Wissenschaftsprosa der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung benannt ist. Parin bekam ihn 1997 verliehen.

Berühmt wurde Parin mit der von ihm entwickelten Ethno-Psychoanalyse und den Büchern «Die Weissen denken zu viel. Psychoanalytische Untersuchungen bei den Dogon in Westafrika» (1963) und «Fürchte Deinen Nächsten wie dich selbst. Psychoanalyse und Gesellschaft am Modell der Agni in Westafrika» (1971), die er mit seiner Frau und Fritz Morgenthaler schrieb. In einem seiner besten Essays, beziehungsreich betitelt mit «Kurzer Aufenthalt in Triest oder Koordinaten der Psychoanalyse», erinnert Parin an das spezifische Milieu, dem die Psychoanalyse entstammt. Es ist das schier endlose Leid der unterdrückten Juden Ost- und Mitteleuropas, ihre utopischen Aspirationen, ihr Mitgefühl und ihre Solidarität mit den Erniedrigten und Beleidigten.

Der rettende Schweizer Pass

Diese Welt hatte der 1916 im slowenischen Südwestzipfel der k.k.-Monarchie geborene Paul Parin noch vor Augen. Aus ihr hatte die Generation seiner Grosseltern ihre abenteuerlichen Karrieren gestaltet, die auch zum Stoff seiner Erzählungen wurden. In Triest, der kosmopolitischen Hafen- und Handelsstadt der Donaumonarchie, startete der Grossvater ein internationales Versicherungsgeschäft. Es erlaubte den Lebensstil der herrschenden Klasse, den Parins Vater pflegte, ein Gutsbesitzer, Abenteurer, Playboy, Grosswildjäger und Ballonfahrer. Der Reichtum der Parins ging in Krieg und Revolution unter. Aber es blieb ein klugerweise vom Vater 1899 erworbener Schweizer Pass, der der Familie in den 30er-Jahren die Ausreise ermöglichte.

Paul Parins Leben wurde beeinträchtigt durch einen angeborenen Hüftschaden. Die Fantasie, sich endlich frei bewegen zu können und Abenteuer in der Aussenwelt zu erleben, hat schon in jungen Jahren einen Überschuss an Triebenergie erzeugt, der für ein hundertjähriges Leben ausreicht. Der junge Paul wurde zum leidenschaftlichen Jäger, Reiter und Tennisspieler. In der Bibliothek des Vaters fand er schon bald die gehobene pornografische Literatur, die in einem Herrenhaus eines ehemaligen Playboys wie selbstverständlich dazugehörte. Aber schon bald fand Paul heraus, dass er sich mit Sigmund Freud, der sein Vater hätte sein können, verständigen konnte, mit seinem wirklichen Vater aber nicht.

Der Wunsch, Arzt zu werden, verband sich mit dem Interesse an Psychoanalyse. Der praktische Helfer, der nicht nur aufklärt, sondern auch über die Bedingungen der Aufklärung nachdenkt, steht in der Tradition des Begründers der Psychoanalyse. Die ethnische Vielfalt des Lebens in der Donaumonarchie und ihren Nachfolgestaaten forderte die Neugier und das praktische Engagement des jungen Medizinstudenten heraus. Nach Zwischenaufenthalten in Zagreb und Graz, die ihm den drohenden Untergang Mitteleuropas in Nationalismus und Nationalsozialismus vor Augen führten, verhalf Parin in Zürich neben dem Studium versprengten Flüchtlingen zur Weiterreise. In seinem damaligen Hauptquartier, dem Café Select, traf sich eine nonkonformistische «Bruderund Schwesterhorde», wie sich die Parins nannten, die nach wirksamen Möglichkeiten im Kampf gegen die Nazis suchten.

«Es ist Krieg, und wir gehen hin» heisst das Buch, das von ihren Erfahrungen bei den jugoslawischen Partisanen von 1944 bis 1946 berichtet (es erschien 1991, rechtzeitig zum neuen Jugoslawienkrieg). Immer wieder bezog sich Parin auf die Widersprüchlichkeit des Befreiungskampfes, den er aber nicht nach dem Muster «Verlorene Illusionen» betrauerte, verdammte oder idealisierte. Er machte vielmehr die Einsicht in eine schmerzliche Niederlage zur Kraftquelle einer neuen Anstrengung: Als er 1946 das bürokratische Scheitern des sozialistischen Versuchs in Jugoslawien erkannte, schlug er sich unter abenteuerlichen Umständen nach Zürich durch, schloss hier eine neurologische Ausbildung ab und begann eine psychoanalytische – als «Fortsetzung des Guerillakriegs mit anderen Mitteln», wie Goldy, seine Lebensgefährtin, es nannte.

Der Blick des Fremden

Schon bald brachen sie nach Afrika auf. Den drohenden Untergang eines Kontinents vor Augen, entwickelten sie die Ethno-Psychoanalyse. Sie machten freudianisches Wissen um die kulturellen Widersprüchlichkeiten individueller Emanzipation in afrikanischen Fallstudien produktiv. «Zu viele Teufel im Land» (1985) bleibt bis heute eines der besten Afrikabücher.

Die Kombination von Erfahrungsreichtum und klarem aufklärerischem Verstand macht auch Parins wissenschaftliche Aufsatzsammlungen «Der Widerspruch im Subjekt» (1978) und «Subjekt im Widerspruch» (1985) für den Laien lesenswert. Die nahe Umgebung, das scheinbar Bekannte mit dem neugierigen Blick des Fremden und dem kühlen Verstand des Forschers zu betrachten, führt zu höchst fruchtbaren intellektuellen Erkenntnissen: «The Mark of Oppression – Juden und Homosexuelle als Fremde» (1985), ein Musterbeispiel für gesellschaftskritisch angewandte Psychoanalyse.

Die Psychoanalyse hat Paul Parin eine bürgerliche Existenz ermöglicht. Von der Couch aus konnte man ein riesiges afrikanisches Stierbild bewundern, das Fritz Morgenthaler dem Freund geschenkt hat. Aber von seinem Schreibtisch aus, der mit seiner Haustelefonanlage aus den frühen 50er-Jahren einem Kommandostand aus dem Spanischen Bürgerkrieg ähnelte, konnte er auf den Zürichsee schauen, der ihn an die Seen Sloweniens erinnerte. In seiner Schublade lag 50 Jahre die Pistole, die er aus Jugoslawien mitgebracht hatte: «Als Erinnerungsstück brauche ich sie nicht. Von Zeit zu Zeit prüfe ich die Patronen. Es war richtig, sie nicht unter den Zug zu werfen. Als Analytiker soll man neurotische Ängste überwinden und die Wirklichkeit nicht aus dem Blick lassen.»

Nach dem Tod von Goldy Parin 1997 musste man befürchten, er würde die Waffe aus Trauer gegen sich selbst wenden. Doch eine neugierige Öffentlichkeit und treue Freunde aus allen Generationen und vielen Ländern hielten ihn am Leben. Paul Parin hatte Scharfsinniges noch nahezu zu jedem Thema zu sagen: zu den Segnungen von Drogen im Alter etwa und zu einer ausstehenden Psychoanalyse der Macht. Aber am liebsten hat er den immer wiederkehrenden Besuchern am Utoquai Geschichten erzählt – Besuchern, die jetzt sein Leibgericht, die Walderdbeeren, ohne ihn essen müssen.

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