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Dienstag, 19. Mai 2009 um 16:39

Durch Skepsis gemilderte Schlauheit

Paul Parin, der Begründer der Ethnopsychoanalyse, ist tot
von Julia Kospach

Die, die Paul Parin kannten, erzählen von seiner hinreißenden Lebendigkeit. Sie ließ beinah jeden seiner Besucher am Zürcher Utoquai nach ein paar Stunden erschöpft zurück, während er - zuletzt erblindet und gehbehindert - sich eine weitere Gitane anzündete und zur nächsten fesselnden Erzählung ausholte. Er selbst sprach einmal von einer "durch Skepsis gemilderten Schlauheit" als seinem Hauptcharakterzug. Seine Frau Goldy Parin-Matthèy, mit der er bis zu ihrem Tod 1997 fast sechs Jahrzehnte in einer beneidenswert gelungenen Liebesehe gelebt hatte, nannte ihn denn auch einen "Fuchs". Er nannte sie seine "Katze". Fuchs und Katze teilten ein aufregend abwechslungsreiches Leben.

Was war er nun? Ein vom Jagdfieber befallener Pazifist und politischer Kämpfer gegen alle Gewaltregime. Ein intellektueller Pessimist mit optimistischem Temperament. Ein Gutsherrensohn, der dem Marxismus anhing. Ein heiterer Mensch voll unheiligem Zorn auf soziale Ungerechtigkeit. Schon früh schlafwandlerisch sicher in seinem Urteil: "Wir lebten in einer Zeit, die nicht groß war, aber böse und grausam, in der es vielleicht schwer war, durchzukommen, aber leicht zu wissen, was man zu tun hatte", schrieb er.

Er wuchs auf einem Herrensitz in Slowenien auf, Sohn ungarisch-italienischer Eltern jüdischer Herkunft mit Schweizer Pass. Der Vater ein kosmopolitischer Despot. Sohn Paul, geboren 1916 noch als k.u.k.-Untertan, wird später berückende autobiografische Erzählungen über die emotionale Enge dieser Aristokraten-Kindheit und deren gleichzeitige räumliche Weite, den Fischfang, die Jagd und die Wälder, schreiben. Mit den Jugend-Erinnerungen "Untrügliche Zeichen von Veränderung" (1980) begründet er schließlich auch seinen literarischen Ruhm. Der Erfolg fällt ihm auch hier so selbstverständlich zu, dass man von einem Glückskind sprechen könnte, wären da nicht unbändige Neugier und die stetige Lust zur Neuerfindung, die den Erfolg gleichsam anziehen.

Er studiert Medizin in Zagreb und im Nazi-verseuchten Graz. 1938 kommt er erstmals nach Zürich. Nach Jugoslawien kehrt er zurück, um 1944 als Arzt auf Seiten der Tito-Partisanen gegen die Faschisten zu kämpfen. Wieder in der Schweiz wird aus dem Chirurgen Paul Parin ein Neurologe und aus diesem ein Psychoanalytiker und Mit-Begründer des Zürcher Psychoanalytischen Seminars.

Parin besitzt den Ton eines großen Erzählers: hypnotisch, genau, uneitel und farbig. Der geschulte, nicht wertende Blick des Analytikers paart sich in seinen Texten mit Poesie. Er schaut hin und lauscht gleichzeitig nach Innen auf eigene Reaktionen. Das tut er auch, als er gemeinsam mit seiner Frau Goldy und Fritz Morgenthaler, Ärzte und Analytiker wie er, Mitte der 1950er-Jahre zur ersten von acht langen Afrika-Reisen aufbricht. Bald geht es um die Frage: Lässt sich Psychoanalyse auch in einer anderen Gesellschaft als der westlich-europäischen betreiben?

Das Buch "Die Weißen denken zu viel" über die Dogon in Mali gab darauf die erste bejahende Antwort. Es folgte "Fürchte deinen Nächsten wie dich selbst" über die Agni der Elfenbeinküste. Die beiden Feldforschungsstudien machten Parin berühmt.

Sein Zugang verwob die psychoanalytische Praxis mit ethnologischer Forschung. Seine Fallgeschichten präsentierten sich als interaktive Kulturanalysen. Später verlegten er und Goldy sich darauf, Ethnopsychoanalyse in der eigenen Kultur zu betreiben. Aufsätze wie "Typische Unterschiede zwischen Schweizern und Süddeutschen aus dem gebildeten Kleinbürgertum" waren das Ergebnis.

Dass Paul Parins Geschichten in Zukunft nur mehr nachzulesen, aber nicht mehr von ihm selbst bei einer Gitane erzählt werden, ist schwer zu glauben. Dafür aber haben sich Fuchs und Katze wieder. Am Montag starb Paul Parin in seinem 93. Lebensjahr in Zürich.

"Ich habe zwei Weltkriege und den Faschismus erlebt, und die sogenannte neue Weltordnung lässt sich sehr schlecht an." Paul Parin

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