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Dienstag, 19. Mai 2009 um 16:12

Mein Leben ist eine Nachschrift

von Harry Nutt

Die Schlösser der Umgebung, in der er groß geworden ist, hätten ihm dreimal in seinem Leben Freude bereitet, bekannte der Schweizer Ethnopsychoanalytiker Paul Parin einmal im Gespräch mit der Schriftstellerin Gabriele Goettle. "Als Kind, als ich in einem solchen Schloss aufwuchs, als sie endlich angezündet wurden, und heute, wo sie mit Kunstverstand renoviert werden." Ein kurzer Satz aus dem kurzen, gewaltvollen 20. Jahrhundert, aus dem der Mediziner, Psychoanalytiker und Forschungsreisende Paul Parin nur allzu gern in andere Welten aufbrach.

Das slowenische Novikloster, wo Parin 1916 als Sohn jüdischer Großgrundbesitzer mit schweizerischer Staatsbürgerschaft geboren wurde, lag bis 1918 im k.u.k. Österreich. Die geringe Halbwertzeit staatlicher Gebilde zählt zu den frühen Erfahrungen der Parinschen Biographie. Novikloster gehörte zunächst zum Königreich Jugoslawien und nach 1945 zur Föderativen Volksrepublik Jugoslawien.

Die Freude darüber, die Schlösser seiner Kindheit brennen zu sehen, erlebte Parin schließlich auf der Seite jugoslawischer Partisanen. Das Feuer vertrieb die Gestapo, die Novikloster 1941 besetzt hatte. Die Eltern konnten in die Schweiz fliehen, während Parin und seine Frau Goldy Matthèy 1944 zurückkehrten, um als Ärzte für die Partisanen zu arbeiten. Dabei war Parin alles andere als eine soldatische Natur. Die ersten zwei Jahre hatte er im Gipsbett verbringen müssen, zeitlebens blieb eine Gehbehinderung zurück.

Trotz oder wegen seiner Partisanenzeit war Parin politische Schwärmerei jedoch fremd. Eher ernüchtert bezeichnete er sich als einen undogmatischen Sozialisten. Gern stimmte er auch dem Spiegel zu, der ihn einmal ein "Überbleibsel der Aufklärung" genannt hatte.

War er als Forscher ein Menschensammler, so stand seine Tür später vielen offen, die sich für sein Leben und Werk interessierten. Der höfliche alte Herr, der sich in seiner Jugend Wissen über Viehzucht und Landwirtschaft angeeignet hatte, mochte dann auch schon einmal über die Zubereitung von Coq au vin parlieren. Auf die Frage, ob sein Interesse an Menschen wissenschaftlicher oder humanistischer Natur gewesen sei, antwortete Parin in einem Interview: "Wahrscheinlich literarischer. Ich hatte schon immer Freude an Menschen. Das kommt von der Kindheit her. Ich hatte bis zum 17. Lebensjahr keine Spielkameraden."

Vielleicht war es also kindlicher Nachholbedarf, der Parin zur Arbeit mit Gleichgesinnten antrieb. Gemeinsam mit Fritz Morgenthaler, dem Sohn des impressionistischen Malers Ernst Morgenthaler, gründeten Paul Parin und Goldy Matthèy eine psychoanalytische Praxis in Zürich, die zum Ausgangs- und Sammlungsort diverser Reisen nach Westafrika wurde.

Das private Forschertrio begründete so beinahe beiläufig die so genannte Ethnopsychoanalyse (der Begriff stammt von dem ungarischen Ethnologen Georges Devereux), in der sie die Anwendung der psychoanalytischen Methode Sigmund Freuds mit der Ethnologie verknüpften. Mit ihren Studien über die Dogon und die Agni in Westafrika traten Parin, Matthèy und Morgenthaler den Beweis an, dass sich die Psychoanalyse auch zum Verständnis fremder Kulturen eignet.

Auf ihren ersten Reisen betrieben sie zunächst eine Art "einfühlender Beobachtung". "Wir haben", so Parin, "auffallende Verhaltensweisen gesammelt, systematisiert, und mit Hilfe einer vergleichenden charakteranalytischen Untersuchungstechnik - orientiert an Wilhelm Reich - psychoanalytisch ausgewertet." Mit ihren Arbeiten rückten sie erstmals das Ich der so genannten Wilden in den Mittelpunkt des Forscherinteresses. "Statt, wie beim Heilungsprozess, ICH zu schaffen, wo ES war", so Parin, "haben wir versucht, ICH zu erkennen, das sich in einer ganz anderen Weise als bei uns aus dem ES entwickelt."

Das Buch "Die Weißen denken zu viel" wurde zum Kultbuch der 68er Bewegung, weil es auch methodisch dem Zeitgeist entsprach. Parin, Matthèy und Morgenthaler verstanden ihre Vorgehensweise als subversive, gesellschaftskritische Tätigkeit, ein Aufrühren des Unbewussten, wie Goldy Matthèy es nannte, eine psychoanalytische Wühlarbeit.

Das Werk über die Agni, "Fürchte deinen Nächsten wie dich selbst", das auf Anraten Alexander Mitscherlichs bei Suhrkamp erschien und von Karl-Markus Michel lektoriert worden war, hielt Parin stets für das bessere Buch. Die Agni aber, so Parin, seien nach europäischem Geschmack unsympathische Menschen, während die Dogon ziemlich gut zu den Vorstellungen vom guten Wilden der sechziger Jahre passten.

Die Ehe von Paul und Goldy Parin ist nicht zuletzt die Geschichte einer großen Liebe. Ihre Forschungsreisen haben sie stets gemeinsam unternommen, Jahrzehnte lebten und arbeiteten sie in ihrer großen Wohnung nahe dem Zürcher Opernhaus. Als Goldy 1997 starb, dachte Parin zunächst an Selbstmord. Er habe sich dann aber entschlossen, weiterzuleben, sich diszipliniert zu verhalten und zu schreiben. "Ich lebe heute in einem Epilog", gestand er einmal. "Mein derzeitiges Leben ist eine Art Nachschrift."

Davon profitierte, so lange es noch ging, auch die Frankfurter Rundschau. Parin schrieb darin zuletzt Kommentare zu den Jugoslawienkriegen und der Schweizer Bankenaffäre. Wiederholt plädierte er für eine Freigabe von Drogen für Alte. "Man sollte alles einsetzen, was die Beschwerden des Alters erleichtert."

Dann spielte die Gesundheit nicht mehr mit. Paul Parin war nahezu erblindet. Jetzt ist er in Zürich im Alter von 92 Jahren gestorben. Auf die Frage nach einer Utopie hat er Gabriele Goettle geantwortet: "Wir haben auf keine gehofft, wir haben sie beobachtet."

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